Der geteilte Raum

DEU

Die Fotoserie Der geteilte Raum besteht aus 24 Wiener Stadtansichten, die in der Zeit der COVID-19-Pandemie entstanden. Während der Ausgangsbeschränkungen war es den Wiener Bürger*innen angesichts mangelnder Freiflächen und zu schmaler Gehsteige in den innerstädtischen Bezirken oft nicht möglich, den geforderten Mindestabstand einzuhalten. Darauf reagierte die Stadtregierung mit dem Einrichten von „temporären Begegnungszonen", die eine gemeinsame Nutzung der Straße von Fußgänger*innen und Fahrzeugen vorsah und den Bürger*innen der Stadt so zusätzliche Flächen zur Nutzung zur Verfügung stellte. Zwischen Anfang Mai und Anfang Juni 2020 suchte Matthias Klos jeweils bei Tagesanbruch eine der Straßen auf, die als solche „temporären Begegnungszonen" ausgewiesen waren. Im Gegensatz zu den von Tourismus und Konsum geprägten Orte der Stadt, die durch die Pandemie ihr Erscheinungsbild signifikant veränderten, hat sich in diese Nebenstraßen das globale Ereignis lediglich über die Modifikation der Verkehrsordnung eingeschrieben. Diese kaum sichtbare Veränderung steht in starkem Kontrast zu den umfassenden Auswirkungen der Pandemie. In dem Matthias Klos dieser schlichten administrativen Setzung folgt, kartographiert er die Überschneidung von öffentlichem und politischem Raum entlang dieser trivialen Straßenzüge. Damit zeichnet er auf subtile Weise eine lokale Kontur eines globalen Geschehens nach, dessen Brüche und Verwerfungen die Gesellschaft noch lange formend begleiten werden.

ENG

The photo series Der geteilte Raum ("The Divided Room" or "The Shared Space" ) consists of 24 views of Vienna, taken during the COVID 19 pandemic. During the exit restrictions, the Viennese citizens were often unable to maintain the required minimum distance due to a lack of open spaces and too narrow sidewalks in the inner-city districts. The city government reacted to this by setting up "temporary meeting zones", which provided for the joint use of the street by pedestrians and vehicles, thus making additional space available for use by the city's citizens. Between the beginning of May and the beginning of June 2020, Matthias Klos frequented one of the streets designated as such "temporary meeting zones" at daybreak. In contrast to the places in the city marked by tourism and consumption, which significantly changed their appearance as a result of the pandemic, the global event has inscribed itself in these side streets merely by modifying the traffic regulations. This barely visible change is in stark contrast to the comprehensive effects of the pandemic. By following this simple administrative setting, Matthias Klos maps the intersection of public and political space along these trivial streets. In doing so, he subtly traces the local contours of a global event, whose ruptures and distortions will continue to shape society for a long time to come.

 

Trivia:

DEU:
Die „temporären Begegnungszonen" sind das Produkt einer politischen Auseinandersetzung zwischen der Wiener Stadtregierung und der Bundesregierung. Auf den teilweise schmalen Gehsteigen der Wiener Innenstadt waren die, vom Gesundheitsministerium während der COVID-19 Pandemie eingeforderten Abstandsregeln zwischen Passant*innen, beim begrenzt genehmigten Verlassen der Wohnung, nicht einzuhalten. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, dem die die Park- und Grünflächen der Bundesgärten in Wien zugeordnet sind, wollte diese für die Bewohner*innen nicht öffnen. Daher entschloss man sich im Wiener Rathaus, ausgesuchte Straßen als „temporäre Begegnungszonen" einzurichten, um somit zusätzliche Freiflächen im Außenraum zur Verfügung zu stellen. Die Begegnungszonen folgen dem Konzept des shared space, was eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer*innen vorsieht. Fußgänger*Innen ist die Nutzung der Fahrbahn gestattet, Fahrzeuge dürfen mit 20 Kilometer pro Stunde verkehren.

Während der vier Wochen, in der die Aufnahmen entstanden, variierte die Anzahl der als „temporären Begegnungszonen" geöffneten Straßen. Einige dieser Straßen waren im offiziellen Online-Stadtplan, nicht, aber in der von der Stadt Wien veröffentlichten Liste unter coronavirus.wien.gv.at, erfasst. Zudem nahmen manche Bezirke im Mai 2020 mangels Akzeptanz die Öffnungen der Straßen wieder zurück.

Wie der Verfassungsgerichtshof im Juli 2020 festgestellte, waren die Ausgangsbeschränkungen der Bundesregierung während des sogenannten „Lockdowns" in wesentlichen Teilen gesetzeswidrig.

ENG
The "temporary meeting zones" are the product of a political dispute between the Vienna City Government and the Federal Government. On the sometimes narrow sidewalks of Vienna's inner city, the rules of distance between passers-by, which were demanded by the Ministry of Health during the COVID-19 pandemic, could not be observed when leaving the apartment with limited permission. The Federal Ministry of Agriculture, Regions and Tourism, to which the parks and green spaces of the Federal Gardens in Vienna are assigned, did not want to open them for the residents. For this reason, the Vienna City Hall decided to establish selected streets as "temporary meeting zones" in order to provide additional open spaces outside. The meeting zones follow the concept of shared space, which provides for equal rights for all road users. Pedestrians are allowed to use the roadway, vehicles are allowed to travel at 20 kilometres per hour.

During the four weeks in which the photographs were taken, the number of streets opened as "temporary meeting zones" varied. Some of these streets were included in the official online city map, but not in the list published by the City of Vienna under coronavirus.wien.gv.at. In addition, some districts took back the openings of the streets in May 2020 due to lack of acceptance.

As the Constitutional Court found in July 2020, the initial restrictions imposed by the federal government during the so-called "lockdown" were largely unlawful.

 

Liste der temporären Begegnungszonen der Stadt Wien vom 14.05.2020
Alliiertenstraße, Pazmanitengasse, Rechte Bahngasse, Schaumburgergasse, Kettenbrückengasse, Große Neugasse, Graf Starhemberg-Gasse, Zollergasse, Hermanngasse, Ahornergasse, Kandlgasse, Florianigasse, Sobieskigasse, Fernkorngasse, Meiselstraße, Kalvarienberggasse, Schopenhauerstraße, Hasnerstraße
(https://coronavirus.wien.gv.at/site/mehr-raum-zum-rausgehen/)

Zusätzlich im Stadtplan der Stadt Wien Mai und Juni 2020 verzeichnet
Schützengasse, Zwölfergasse, Rosinagasse, Gasgasse, Am Brigittenauer Sporn, Rüdigergasse
(https://www.wien.gv.at/Stadtplan/)